Sonntag, 26. Dezember 2021

SCHUTZENGEL.....ein philosophisches Weihnachtsmärchen

Wie jeden Tag war es etwas hektisch am Frühstückstisch.
 Gegen alle Vereinbarungen mit der strengen Dame des Hauses,
 scrollte Papa Thomas hastig auf seinem Tablet die neuesten Schlagzeilen
 durch und bekleckerte sich prompt mit einem Tupfer Marmelade,
 der ungeniert vom Brot rutschte und auf der Krawatte landete.
 „Mist!“, lautete sein knapper Kommentar dazu.
 Die rasche Hilfe erfolgte durch die Zunge seiner kleinen Tochter Lizzy,
 die blitzschnell und kichernd den Klecks abschleckte und mit kurzem
 Rubbeln die letzten Spuren beseitigte. 
Sie schaffte es auch noch, die Hülle seines Tablets zuzuklappen, 
bevor die strenge Dame Mama niesend und hustend in die Küche kam,
 um vor dem geliebten Morgenkaffee ein halbes Dutzend Grippetabletten
 mit lauwarmem Wasser hinunter zu spülen.
„Schatz, du siehst elend aus“, provozierte Papa Thomas charmant,
 weil er es viel lieber gesehen hätte, wenn seine Frau im Bett geblieben wäre,
 um endlich ihre Verkühlung auszukurieren.
„Ich liebe dich auch!“, krächzte sie um eine Stimmlage tiefer als üblich 
und schickte ihm einen Kuss. 
Dann strich sie ihrer Tochter eine Haarsträhne aus dem Gesicht:
 „Hast du Papa schon gefragt?“
„Was gefragt?“, fragte Papa.
„Nö, hab ich nicht.“
„Na, dann frag ihn doch. Ich möchte es auch gerne wissen.“
„Was denn?“, wurde Papa neugieriger.
„Papa, glaubst du an Schutzengel?“
„Also...“ Diese Frage kam zu plötzlich. 
Er schien sichtlich überfordert. „Ob ich an Schutzengel glaube?“
Am intensiven Blick seiner Frau konnte er die gewünschte Antwort ablesen:
 „Ja, ich glaube!“ Doch tat er das? 
Er wich aus: „Ist das für ein Schulprojekt? Werden alle Eltern befragt?“ 
Die Tochter bestätigte seine Vermutung. 
Sie und die strenge Dame des Hauses glaubten selbstverständlich 
an die beschützenden Freunde.
Sie waren Verbündete auf ihrer Mission.
 Im Schnellverfahren versuchten sie ihn mit allen möglichen
 und haarsträubenden Argumenten zu überzeugen.
 Die einzige Chance, den beiden zu entkommen, war der Hinweis
 auf die fortgeschrittene Zeit. 
Nicht nur er, alle mussten aufbrechen, um rechtzeitig anzukommen: 
die kleine Prinzessin in der Schule, Mama in der Kanzlei
 und Papa bei einem Kunden.
 Doch noch beim engen Bekleidungsritual im Vorzimmer, zwischen Mänteln,
 Jacken, Mützen und Schuhen, forderten sie mitleidslos eine Antwort. 
Er rettete sich in das salomonische Bekenntnis: „Ich weiß es nicht.
 Ich habe noch nie darüber nachgedacht. 
Jedenfalls bin ich noch nie einem begegnet. Ich weiß es wirklich nicht.“
 Er bekam trotzdem seine Schmatzration für den Tag.
 „Wenn ich das nächste Mal einen sehe, Papa, dann zeig ich ihn dir.“
Er schmatzte zurück: „Ihr seid meine Schutzengel!“
Wenige Minuten später steckte er im vertrauten morgendlichen Verkehrsstau.
 Im Radio warnten sie vor heftigem Schneefall ab Nachmittag.
 Dann diskutierten sie wie jedes Jahr darüber,
 wer eine Woche vor Weihnachten bereits alle Geschenke im Trockenen hatte
 und wer wieder auf den letzten Drücker loszog. 
Dazu wurden die bunte Welt der Stars, die Politiker
 und Möchtegern-Promis interviewt - für ihn ein erledigtes Thema.
 Papa hatte bis auf seine berühmten Kleinigkeiten längst alle Geschenke
 erstanden, selbst verpackt und selbst versteckt.
Thomas liebte Weihnachten, er liebte Weihnachtsshoppen im größten Trubel
 und er liebte Weihnachtsmusik am laufenden Band. 
So gut wie jeder Weihnachtsmarkt in der Stadt kannte ihn persönlich 
und er träumte schon lange davon, einmal in der Weihnachtszeit
 nach New York zu fliegen, um vor dem Rockefeller Center, 
im Lichterglanz des größten Christbaumes der Welt, 
auf dem wahrscheinlich kleinsten Eislaufplatz der Welt
 mit seiner Frau romantische Runden zu drehen.
Die Schneewarnung freute ihn.
 Heute war der Tag der Besorgung seiner berühmten Kleinigkeiten. 
Sorgsam gewählte Aufmerksamkeiten für Freunde und Weg Begleiter.
Der Kundentermin wurde mit reichlich Keksen, umspült von Kinderpunsch
 und Fachsimpeln über pädagogisch wertvolles Spielzeug,
 angenehm erledigt. 
Danach parkte er in einer Tiefgarage.
 Bevor seine Einkaufstour in der belebten Innenstadt begann, 
studierte er noch einmal seine logistische Route.
 Dann schnappte er seinen Rucksack und startete mit „Jingle Bells“
 auf den Lippen. 
Dieser Song swingte aus den Lautsprechern der Tiefgarage
 und begleitete ihn im Aufzug bis auf die Straße.
Obwohl es erst kurz nach Mittag war, setzte bereits leichter Schneefall ein.
 Thomas bedankte sich bei den himmlischen Mächten.
 Denn was wäre ein klassischer Weihnachtseinkauf 
ohne den zauberhaften Eiskristallen?
In den nächsten Stunden wurde die Liste sein Lebensinhalt.
 Nach und nach hakte er Punkte als erledigt ab und der Rucksack füllte sich.
 Irgendwie hatte er das Gefühl, dass die Menschen heute
 besonders freundlich waren.
 Lag das an ihm? An seiner Glücksstimmung? 
War er einfach aufmerksamer als sonst? 
Dass ihm die mollige Verkäuferin keuchend seine Handschuhe 
hinterher brachte, wertete er schon als besonderes Bemühen.
Und dann der obdachlose Bettler, der ihn wie einen alten Bekannten grüßte,
 noch bevor er ihm einige Münzen in seine Dose warf. 
Der hilfreiche Buschauffeur, der verständnisvolle Polizist, 
die geduldige Kassiererin. 
Alle schienen heute besonders liebevoll miteinander umzugehen.
 Und alle lächelten ihn an!
 „Bin ich über Nacht auf Facebook berühmt geworden?“,
 scherzte er mit sich selbst.
Inzwischen war es dunkel geworden. 
Der Schneefall hatte an Dichte gewonnen. 
Gemeinsam mit der Weihnachtsbeleuchtung tauchte er den Platz 
in winterlichen Adventzauber. 
Der sanfte Wind vermischte die Gerüche von Maroni, Glühwein, Zimt und
 Bratäpfel, Eierlikörpunsch und Bratwurst 
und wehte sie in genießende Nasen. 
Thomas fischte sich seine letzte Maroni aus der Tüte. 
Er wurde dabei sehnlichst beobachtet, wie er die Schale entfernte 
und bevor er das begehrte Stück in den Mund stecken konnte, 
bellte sein neuer Freund kurz auf. „Wie wär´s mit Teilen?“ 
Weil keine Aufsichtsperson zu sehen war,
 teilte er gerne und erntete heftiges Schwanzwedeln.
Plötzlich, von einer Sekunde zur anderen verstärkte sich der Wind erheblich.
 Es wurde schlagartig kälter und der Schneefall wurde noch intensiver,
 sodass man kaum noch die Hand vor den Augen erkennen konnte.
 Instinktiv zog Thomas den Kragen höher und die Mütze tiefer ins Gesicht.
 Ohne genau zu wissen wohin, flüchtete er weg vom Markt in die nächste
 Gasse hinein, in der Hoffnung, in einem Lokal Schutz zu finden. 
Stattdessen schob ihn eine heftige Windböe direkt vor ein Kirchentor 
und half ihm sie aufzudrücken.
 Thomas stolperte hinein. In Sicherheit!
 Er atmete durch und klopfte sich den Schnee ab. 
Nur wenige Seelen saßen vertieft in in den Bänken.
 Thomas wunderte sich, dass er noch nie hier gewesen war, 
wo er doch die Gegend gut kannte.
 Stille, wie sie nur in Kirchen schweigt, 
begrüßte ihn mit dezentem Weihrauchduft. 
Er sah hinüber zu dem Meer an brennenden Kerzen, 
die sich stellvertretend für ihre Spender bedankten
 oder für eine Bitte leuchteten.
 Er sah sich dort neben seiner Großmutter stehen und stolz eine eigene
 Wunschkerze entzünden, ohne je über seine Wünsche sprechen zu dürfen.
 „Das geht nur dich und die Mutter Maria etwas an“, hatte sie bestimmt.
Er hielt sich daran. Sie selbst spendete immer drei Kerzen. 
Eine für ihre Ahnen, eine für die Familie und eine für Opa. 
Schon holte er Münzen aus der Geldbörse, um die Tradition fortzusetzen.
 Wieder drei Kerzen: für die Ahnen, die Familie 
und die dritte Bestimmung flüsterte: „Ich vermisse dich, Großmutter!“ 
Sanfte Wehmut befeuchtete seine Augenwinkel.
Ein älterer Herr gesellte sich hinzu und begann aus einem Sack
 die Kerzenkiste aufzufüllen. 
Eine davon drückte er dem verblüfften Thomas in die Hand: 
„Die ist für dich! Mit herzlichen Grüßen von deinem Schutzengel.“
 Thomas starrte fassungslos abwechselnd auf die Kerze und auf den Mann.
 „Soll ich sie für dich anzünden?“
Das tat Thomas dann doch selbst, allerdings mit drei Versuchen,
 weil er so nervös war, wie der kleine Junge von damals
. „Es ist so“, begann der Mann von seinesgleichen zu erzählen:
 „Im Allgemeinen sind wir nicht erkennbar.
 Denn wenn wir in Erscheinung treten, tun wir es in einer anderen Identität.
 Zum Beispiel als Taxifahrer, der sich bemüht mit banalen Witzen 
deine miese Morgenlaune zu motivieren. 
Manchmal sind wir die hübsche Kellnerin hinter der Bar,
 der du leicht angeheitert dein verletztes Herz ausschüttest. 
Manchmal sind wir der Arzt, der dich operiert
 oder auch die entzückende Katze, die deiner Einsamkeit zugelaufen ist.
 Und manchmal sind wir der Polizist, der verhindert,
 dass du in dein Unglück rast. 
Manchmal sind wir das freundliche Gesicht im Supermarkt 
oder die helfende Hand über die Straße,
 und manchmal hängen wir einfach nur als Glücksbringer herum. 
Wir sind auch die Inspiration des Künstlers für ein neues Gemälde
eine wunderbare Geschichte, einen berührenden Song.
 Manchmal auch ein stiller Gedanke und 
manchmal sind wir etwas völlig Unerwartetes, das dein Herz berührt.
Und manchmal sind wir der Priester, der die letzte Beichte nimmt.
Auch wenn du uns also nicht bewusst wahrnimmst,
 sind wir immer in deiner Nähe.
Wir sind allgegenwärtig, Thomas.
 Du weißt nie, wann du einem Engel begegnest!
Nun machte der Mann eine kurze Pause, in der sich Thomas sicher wurde,
 diese Augen zu kennen.
 Der Mann zwinkerte verschmitzt: 
„Frohe Weihnachten, Thomas. Und liebe Grüße an Lizzi.“
Er hätte liebend gerne etwas gesagt, er wäre gerne darauf eingegangen
 oder hätte eine Frage gestellt, doch im Überlegen, etwas zu sagen, 
zu fragen oder darauf einzugehen, verschwand der Mann.
 So plötzlich wie er gekommen war. 
Thomas blieben ein Stammeln und ein zartes Schellengeräusch, 
das in der Ferne verklang.
Als er an diesem Abend seine kleine Prinzessin zu Bett brachte,
 hatte er sich längst dafür entschieden sein Erlebnis
 als Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen. 
Auch im Beisein der großen Prinzessin.
 „Ihr habt mich heute ziemlich unter Druck gesetzt, 
weil ihr wissen wolltet, ob ich an Schutzengel glaube.“ 
Lizzi erinnerte ihn: „Du hast gesagt, du weißt es nicht.“
 „Genau. Das habe ich gesagt.“ 
Lizzi schien eine Vorahnung zu haben: „Hast du heute einen kennen gelernt?
 Beim Einkaufen vielleicht?“
 Er zögerte, um die Neugierde anzuheizen: „Also ... möglicherweise.“
„Wirklich?“ Lizzi zappelte begeistert.
 Thomas bestand darauf, dass alle ihre gemütliche Sitzposition überprüften
, denn er wollte seine Geschichte so ausführlich wie möglich schildern.
Mit geheimnisvoller Stimme begann er zu erzählen: 
„Es war schon später Nachmittag.
 Ich teilte gerade meine letzte Maroni mit einem vierbeinigen Streuner, 
als plötzlich der Wind zunahm. 
Es wurde schlagartig kälter und der Schneefall nahm an Dichte zu,
 sodass ich kaum noch die Hand vor meinen Augen erkennen konnte. 
Als ich vor dem Wetter flüchtete, landete ich in einer Kirche, 
die mir noch nie zuvor in dieser Gegend aufgefallen war...“
  
DANKE für diese Herzerwärmende Geschichte lieber LEO


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