Mittwoch, 19. Januar 2011

BEFREIT DIE JUGEND VON GAZA!

von Werner J. Neuener
Vor zirka drei Wochen kamen in Gaza drei Studentinnen und fünf Studenten zusammen und verfassten eine offene E-Mail an die Welt, in der sie ihrer tiefen Frustration Luft machten: über die Belagerung Gazas, die zynischen politischen Spiele von Hamas, Fatah, der UN und der Internationalen Gemeinschaft und über die
Allgegenwart der Kontrolle und des Terrors durch religiöse Fanatiker in ihrem Leben.
Die Gazauischen Cyber-AktivistInnen, die ihre Namen nicht preisgeben, um ihre
Familien und sich selber nicht zu gefährden, sind über die Resonanz ihres Aufschreis überrascht:
Tausende aus Gaza selber und aus aller Welt sind ihrer Aufforderung bereits gefolgt und haben ihnen
zurück geschrieben, bereit, sie zu unterstützen.
Die Schließung des Jugendzentrums Sharek, einer der letzten unabhängigen
Nichtregierungsorganisationen Gazas, am 30.11.2011 hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.
Die Proteste dagegen waren von der Polizei brutal niedergeschlagen worden.
Neben vielen anderen Jugendlichen waren auch zwei der VerfasserInnen des Manifests
verhaftet und misshandelt worden.
Manifest der Jugend von Gaza: Es muss sich was ändern!
DAS MANIFEST FÜR WANDEL VON DER JUGEND VON GAZA!
26. 12. 2010
Fuck Hamas. Fuck Israel. Fuck Fatah. Fuck UN. Fuck USA!
Wir, die Jugend von Gaza, haben die Nase gestrichen voll von Israel, Hamas, der Besatzung, den Menschenrechtsverletzungen und der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft!
Wir wollen schreien und diese Mauer aus Schweigen, Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit so durchbrechen wie die isralischen F16 die Schallmauer; schreien aus der ganzen Kraft unserer Seele, um die
immense Frustration abzulassen, die uns auffrisst wegen der beschissenen Situation, in der
wir leben; wir sind wie Läuse zwischen zwei Nägeln, leben einen Alptraum in einem
Alptraum, ohne Raum für Hoffnung, ohne Raum für Freiheit.
Wir sind krank davon, in diesem politischen Kampf gefangen zu sein; krank davon, dass
unschuldige Bauern in den Pufferzonen erschossen werden, weil sie sich um ihr Land
kümmern; krank von bärtigen Typen, die mit ihren Gewehren rumlaufen, ihre Macht
missbrauchen und junge Leute ins Gefängnis stecken, die für das, woran sie glauben
demonstrieren; krank von der Schand-Mauer, die uns vom Rest unseres Landes trennt und uns
auf einem Stück Land von der Größe einer Briefmarke gefangen hält; krank, als Terroristen
hingestellt zu werden, als hausgemachte Fanatiker mit Sprengstoff in unseren Taschen und
dem Bösen in unseren Augen; krank von der Gleichgültigkeit, die uns von der internationalen
Gemeinschaft entgegenkommt, den sogenannten Experten, Experten darin, von ihrer
Besorgnis zu reden und Resolutionen zu entwerfen, aber Feiglinge im Durchsetzen ihrer
Vereinbarungen; wir sind krank und müde, ein beschissenes Leben zu leben, von Israel in
einem Gefängnis gehalten zu werden, von der Hamas zusammengeschlagen zu werden und
vom Rest der Welt komplett ignoriert zu werden.
Eine Revolution wächst innen in uns, eine immense Unzufriedenheit und Frustration, die uns
zerstören wird, es sei denn wir finden einen Weg, diese Energie zu kanalisieren in etwas, das
den Status quo herausfordern und uns irgendeine Art von Hoffnung geben kann. Der letzte
Tropfen, der unsere Herzen vor Frustration und Hoffnungslosigkeit zittern liess kam am 30.
November, als Hamas Funktionäre zum Sharek Youth Forum kamen, einer leitenden Jugend
Organisation (www.sharek.ps), mit ihren Gewehren, ihren Lügen und ihrer Aggressivität, alle
rausschmissen, einige gefangen nahmen und Sharek die Arbeit verboten. Einige Tage später
wurden Demonstranten vor dem Sharek Gebäude geschlagen und einige gefangen genommen.
Wir leben wirklich einen Alptraum in einem Alptraum. Es ist schwer Worte zu finden für den
Druck, unter dem wir stehen. Wir haben die Operation Cast Lead knapp überlebt, als Israel
sehr effektiv die Scheisse aus uns herausbombte, tausende Häuser zerstörte und noch mehr
Leben und Träume. Sie wurden Hamas nicht los, was ihre Absicht gewesen wäre, aber sie
haben uns gewiss für immer in Schrecken versetzt und Allen posttraumatische Stressymptome
hinterlassen, da man ja nirgendwo hin rennen konnte.
Wir sind Jugend mit schweren Herzen.
Wir tragen in uns eine so immense Schwere, dass es schwer für uns ist, uns an einen Sonnenuntergang zu freuen. Wie soll man sich daran freuen,wenn dunkle Wolken den Horizont bemalen und trostlose Erinnerungen hinter unseren Augen ablaufen wann immer wir sie schließen?
Wir lächeln um den Schmerz zu verstecken.
Wir lachen um den Krieg zu vergessen.
 Wir hoffen, um nicht auf der Stelle Selbstmord zu begehen.
Während des Krieges bekamen wir das unfehlbare Gefühl, dass Israel uns vom
Angesicht der Erde wegradieren wollte.
Während der letzten Jahre hat Hamas alles getan was
sie konnten, um unsere Gedanken, unser Verhalten und unsere Sehnsüchte zu kontrollieren.
Wir sind eine Generation junger Leute, die gewohnt ist, Raketen zu sehen; zu ertragen, was
als unmöglicher Auftrag erscheint: ein normales und gesundes Leben leben, und nur knapp
toleriert sein von einer massiven Organisation, die sich in unserer Gesellschaft ausgebreitet
hat wie ein bösartiges Krebsgeschwür, die Chaos verursacht und alle lebenden Zellen, alle
Gedanken und Träume wirkungsvoll abtötet, und die mit ihrem Terrorregime die Menschen
lähmt. Ganz zu schweigen von dem Gefängnis, in dem wir leben, einem Gefängnis, das von
einem sogenannt demokratischen Land aufrechterhalten wird.
Die Geschichte wiederholt sich selbst auf die grausamste Weise, und niemand scheint sich
darum zu kümmern.
Wir haben Angst.
 Hier in Gaza haben wir Angst, ins Gefängnis zu kommen, verhört, geschlagen, gefoltert, bombardiert,
getötet zu werden.
Wir haben Angst zu leben, weil jeder einzelne Schritt, den wir tun, wohl durchdacht sein muss.
 Überall sind Beschränkungen.
Wir können uns nicht bewegen, wie wir wollen, nicht sagen, was wir wollen, nicht tun was wir wollen. Manchmal können wir nicht einmal denken, was wir
wollen, weil die Besatzung unsere Hirne und Herzen so furchtbar besetzt hat, dass es weh tut,
und das führt dazu, dass wir endlos Tränen der Frustration und der Wut vergießen wollen!
Wir wollen nicht hassen. Wir wollen nicht alle diese Gefühle fühlen, wir wollen keine Opfer
mehr sein.
 GENUG!
 Genug Schmerz, genug Tränen, genug Leiden, genug Kontrolle,
Beschränkungen, ungerechte Rechtfertigungen, Terror, Folter, Ausflüchte, Bombardierungen,
schlaflose Nächte, tote Zivilisten, schwarze Erinnerungen, schwarze Zukunft, Gegenwart mit
Herzschmerzen, gestörte Politik, fanatische Politiker, religiöser Blödsinn, genug
Gefangennahmen!
WIR SAGEN STOP!
Dies ist nicht die Zukunft, die wir wollen!
Wir wollen drei Dinge.
Wir wollen frei sein.
Wir wollen in der Lage sein, ein normales Leben zu leben.
Wir wollen Frieden.
Ist das zu viel verlangt?
 Wir sind eine Friedensbewegung, die aus jungen Leuten in Gaza und Unterstützern an anderen Orten besteht, und die nicht ruhen wird bis jeder in dieser ganzen Welt die Wahrheit über Gaza kennt, and zwar so, dass keine stille Zustimmung oder laute Gleichgültigkeit mehr akzeptiert wird.
Dies ist das Manifest für Wandel von der Jugend aus Gaza!
Wir werden damit beginnen, die Besatzung zu zerstören, die uns selber umgibt, wir werden
aus diesem geistigen Gefängnis ausbrechen und unsere Würde und unsere Selbstachtung wiedergewinnen. Wir werden unsere Köpfe hoch tragen, auch dann, wenn wir auf Widerstand stoßen.
 Wir werden Tag und Nacht daran arbeiten, diese elenden Umstände zu verändern, in denen wir leben.
Wir werden Träume bauen, wo wir Mauern begegnen.
Wir hoffen nur dass du – ja, du, der oder die du dieses Statemant jetzt gerade liest! –
 uns unterstützen kannst.
Um herauszufinden wie, schreibe bitte etwas auf unsere Wand oder nimm direkten Kontakt auf: freegazayouth@hotmail.com
Wir wollen frei sein, wir wollen leben, wir wollen Frieden.
BEFREIT DIE JUGEND VON GAZA!

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